Eine Frau bei 1000°
Von Hallgrímur Helgason
Die 80-jährige Herbjörg „Herra“ María Björnson lebt in einer Garage in Reykjavik und wartet schwerkrank auf den Tod. Die Modalitäten für ihre Einäscherung hat sie bereits festgelegt; die ihr noch verbleibende Zeit nutzt sie, um mit Emails die halbe Welt zu tyrannisieren, auf eine Handgranate aufzupassen und sich an ihr bewegtes Leben zu erinnern. Und da gibt es einiges zu erzählen, denn schließlich hat sie 3 Söhne von 9 Männern!
Der Autor Hallgrímur Helgason, der 1996 mit dem Roman “101 Reykjavík“ seinen Durchbruch hatte, rechnet hier mit Hilfe seiner kratzbürstigen Heldin mit einigen schwerlastigen Themen ab:
Der Irrsinn einer nationalsozialistischen Ideologie, die Grausamkeit des Krieges, aber auch die nimmermüde Wirtschaftsgläubigkeit, die Island vor wenigen Jahren einen veritablen Bankencrash beschert hat.
Dazu die immerwährende Sprachlosigkeit (die er besonders seinen Landsleuten zuschreibt), die Unfähigkeit, Konflikte oder Erlebtes offen auszusprechen zieht sich für mich wie ein roter Faden durch das Buch.
Sein Erzählstil ist durchwegs flüssig, die Schilderungen sind präzise, ohne langatmig zu wirken. Äußerst sensibel, aber auch stellenweise mit einem Augenzwinkern fühlt er sich in das Innenleben seiner Heldin ein.
Sehr bildreich und brilliant empfand ich die Beschreibung seiner wunderschönen Heimat und die kleinen skurrilen Geschichten von irgendwelchen Isländern an irgendwelchen Fjorden.
Die meisten Episoden fügen sich plausibel in den Handlungsstrang ein. Allerdings hat mich gestört, dass Helgason John Lennon einen Auftritt verpasst hat, genauso hat es mich gewundert, dass dem Geburtstag von Paul McCartney hier Bedeutung zugemessen wurde. Auch die Geschichte um Herras kleiner Tochter hätte ich nicht gebraucht.
Ich fand es äußerst positiv, dass ich trotz aller mannigfaltigen Zeitsprünge nie den Faden verloren habe, weil unter jedem Kapitel die betreffende Jahreszahl steht.
Schwierig wurde es manchmal, bei den fremden isländischen Namen den Überblick zu behalten, stellenweise kann man sie sich nicht mal laut vorsagen, wenn man nicht weiß, wie man sie ausspricht.
Besonders gelungen finde ich hier auch das Cover: Eine kurzhaarige, vom Leben zerfurchte Frau, alt, Kippe in der zittrigen Hand und von links in einen Magentaschatten gehüllt: Genauso würde ich mir Herra vorstellen.
Ein beeindruckendes Buch, das einen kleinen Einblick in das Leben und die Historik dieses kleinen Staates am Rande des Polarkreises gibt.
Eine Geschichte, von der man etwas lernen kann, nämlich auch in der Sprachlosigkeit nicht die Sprache zu verlieren.
Und wie man den Wahnsinn in dieser Welt überlebt.
Dieses Buch ist erschienen im Klett-Cotta Verlag, bestellen könnt ihr dies unter anderem über diesen Link, es wird euch 19,95 € kosten.
Diese Rezesion habe ich im Auftrag für Blog dein Buch geschrieben.
















Klingt spannend, muß ich mir merken. Solche Geschichten gefallen mir, und dann noch auf
Island…!
@Susanne: Island ist schon sehr fremd und gleichzeitig interessant. Allerdings spielt die Geschichte auch viel in Dänemark, Deutschland und Polen während des 2. Weltkriegs. Aber man lernt dennoch auch viel über Island.
LG