Gray – Ein Kriminalroman mit ein bisschen „Bad Romance“ von Leonie Swann [Rezension]

Gray – Ein Kriminalroman mit ein bisschen „Bad Romance“ von Leonie Swann [Rezension]

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Der Doktor und das liebe (Feder-)Vieh: Gray

Der Anthropologe Dr. Augustus Huff, Dozent und Tudor an der altehrwürdigen Universität von Cambridge staunt nicht schlecht. Denn nach dem tragischen Unfalltod des hochbegabten und zugleich unbeliebten, weil schnöseligen Studenten Elliot Fairbanks avanciert er ganz unerwartet zum „temporären Betreuer“ für dessen nun verwaisten Graupapagei Gray.
Der witzige, kluge und anhängliche Vogel bringt nicht nur den Ordnungssinn des verschrobenen Huffs gehörig durcheinander. Er stört auch auch seine Essensgewohnheiten und sein Liebesleben. Denn fortan weicht das Tier nicht mehr von der Schulter seines Betreuers.
Dank des Papageis beginnt Huff sich Fragen nach dem Hergang des Unfalls zu stellen. Elliott, ein passionierter Fassadenkletterer, soll wirklich vom Turm der King´s Chapel gefallen sein? Dr. Augustus Huff und Gray beginnen zu ermitteln und die Vorliebe Grays für Lady Gaga und ihren Song „Bad Romance“ macht die Angelegenheit nicht immer einfach. 

Die Autorin Leonie Swann

Leonie Swann ist das Pseudonym dieser Autorin, ihr richtiger Name ist leider nicht bekannt.
Entgegen aller Mutmaßungen handelt es sich um eine deutsche Schriftstellerin, geboren 1975 in Dachau bei München. Sie studierte Philosophie, Psychologie und englische Literaturwissenschaften, lebte längere Zeit in Paris und ist nun in Berlin angekommen.
Einen Überraschungserfolg lieferte Leonie Swann mit ihrem Schafkrimi „Glennkill“, der in 30 Sprachen übersetzt worden ist. Der Nachfolgeroman „Garou“ wirkte ein bisschen unspektakulärer, als sein berühmter Vorgänger. „Dunkelsprung“, ein Kriminalroman, bei dem die Flöhe eines Flohzirkus ermitteln, war zwar von der Szenerie her außergewöhnlich, ansonsten leider unirdisch schlecht.
Über das Erscheinen des vorliegenden Kriminalromans hatte ich mich sehr gefreut und wurde nicht enttäuscht.

Graupapageien sind tatsächlich sehr intelligent!

Der Graupapagei Gray, der in diesem Krimi so entscheidend zur Aufklärung des Todes eines Studenten beiträgt, wird als sehr schlauer und lernwilliger Vogel beschrieben. Und tatsächlich gehören Graupapageien zu einer der intelligentesten Tierspezies, die wir kennen. Forscher siedeln ihre Intelligenz manchmal auf der Stufe von Menschenaffen und Kleinkindern an.
Die Tierpsychologin Irene Pepperberg arbeitete und forschte über 19 Jahre mit dem Graupapagei Alex. Dabei ging es ihr unter anderem auch um die Beweisführung, dass dieser Papagei in der Lage sei, Sprache auch kognitiv, also wahrnehmend und mitdenkend zu erfassen.
Angeblich diente der 2007 verstorbene Alex Leonie Swann als Inspiration für diesen Papageienkrimi.

Gray – Meine Meinung

Erzählungen, in denen Tiere vermenschlicht werden, gehören für mich in Kinderbücher. In der Erwachsenenliteratur verachte ich dies zutiefst, weil es für meine Begriffe ein völlig falsches Bild über das Wesen des jeweiligen Tiers und dessen artgerechte Haltung liefert. (Im Nachspann dieses Buches weist Leonie Swann sogar darauf hin, dass eine Einzelhaltung von Graupapageien nicht artgerecht ist.)
Und so sehr mich in dem Roman „Glennkill“ die Ermittlungen und Gespräche der Schafe Miss Maple, Mopple the Wale und Freunde auch entzückt haben, empfand ich den Verlauf der Geschichte gerade zum Ende hin sehr konstruiert, fast schon doof.

In diesem Roman geht die Autorin aber andere Wege.
Dem Papagei Gray wird zwar eine gewisse Klugheit zugesprochen, aber dem Tier wird keine Superintelligenz angedichtet. Der Vogel liefert durch seine Reaktionen lediglich Impulse an seinen neuen „temporären Betreuer“, Dr. Augustus Huff. Dieser ein bisschen verkorkste Wissenschaftler ist durch seinen neuen Mitarbeiter gezwungen, aus seinen gewohnten Bahnen auszubrechen und die Angelegenheit rund um den Tod von Elliot Fairbanks aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Dieser eigentlich introvertierte Mann entwickelt sich dank dieser kleinen, grauen Flaumkugel mehr und mehr zu einem wagemutigen Superhelden, der es vermag, scheinbar der Schwerkraft zu trotzen und selbst auf den Mauern und Zinnen der Universität herumklettert.
Als Leser empfand ich diesen Veränderung fast als eine Erleichterung. Denn manchmal braucht es nur einen kleinen Anstoß, um sein Leben zu verändern.

Meine Kritik

Ein bisschen Kritik muss natürlich auch noch sein.

Es wird am Anfang des Buches erwähnt, dass Augustus Huff auf einer Insel der Hebriden aufgewachsen ist und dort wohl auch etwas mit Ziegen zu tun gehabt hat. Der Aufstieg von einem Bewohner der schottischen Inselprovinz in die heiligen Lehranstalten von Cambridge dürfte bei aller Sozialromantik nicht unmöglich, aber dennoch schwierig sein. Auch hätte ich mir bei einem Bewohner der Hebriden eher einen Vornamen wie Sean, Bob oder Charles vorgestellt.  Augustus klingt irgendwie so nach einem humanistischem Gymnasium.

Dass sich der spleenige August plötzlich in halsbrecherischer Manier auf die Dächer der Universitätsgebäude begibt, ist wohl eher unrealistisch. Auch wenn in einem Einschub von einer Kletterexpedition in Südamerika erzählt wird, auf der er das Metier gelernt haben will.

Gray – Das Hörbuch

Das Hörbuch wird hauptsächlich von Bjarne Mädel gelesen, den ich inzwischen als Hörbuchsprecher fast ein bisschen mehr mag, als in seiner Rolle als Tatortreiniger. Seine Interpretation von Grays Sprachkünsten sind unbeschreiblich witzig und einfühlsam. Mir ging tagelang der Song „Bad Romance“ von der Gagalady im Kopf herum (obwohl das nicht so ganz mein Musikgeschmack trifft).

Wem könnte dieses Buch gefallen?

  • Allen Lesern, denen Glennkill zwar gut gefallen hat, aber dennoch irgendwie unrund erschien
  • Haltern von Graupapageien
  • Liebhabern von guten, klassischen Kriminalromanen

Für wen wäre dieses Buch eher nicht geeignet?

  • Menschen, die unter Höhenangst leiden
  • Leser mit einer Vorliebe für Thriller US-amerikanischer Machart
  • Alle Leser, die einen schnellen Handlungsablauf bevorzugen. (Die Geschichte ist alles andere als hektisch erzählt)
  • Leser, die tierische Protagonisten als albern empfinden

Bibliografisches

Gray Leonie Swann Buchcover

Bibliografisches zu dem Kriminalroman „Gray“ von Leonie Swann

  • Titel: Gray
  • Autor: Leonie Swann
  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (15. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442314437
  • Preis: 11,00 € (Taschenbuch, erscheint Ende Januar 2019), 20,00 € (Gebundenes Buch), 15,99 € (Kindle), 14,99 € (MP3 CD, gelesen von Bjarne Mädel und Christopher Heisler)
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(Alle Angaben ohne Gewähr)


Mit dieser Rezension beteilige ich mich einmal wieder an Daggis Buch-Challenge 2018, Aufgabe 10: Lese ein Buch mit einem Tier oder einer Pflanze auf dem Cover.
Und eigentlich wollte ich in dieser Woche nicht schon wieder an eine Rezension veröffentlichen. Aber im Büchersommer 2018 sucht Daggi nach Superhelden und dies ist mein Beitrag dazu.


gray von leonie swannAlle Fotos: Gray – Ein Kriminalroman mit ein bisschen „Bad Romance“ von Leonie Swann ©sabienes.de
Text: Gray – Ein Kriminalroman mit ein bisschen „Bad Romance“ von Leonie Swann ©sabienes.de
Zusammenfassung
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Gray von Leonie Swann
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2 Antworten

  1. Liebe Sabienes, als notorische Kettenleserin bin ich immer an neuen Büchern interessiert – daher danke fürs Vorstellen und dein ausführliches Fazit. Deiner Beschreibung nach falle ich hier dann doch wohl eher in die Kategorie der Menschen, für die diese Lektüre nicht unbedingt geeignet ist. Dem einen gefällt das besser, dem anderen etwas Anderes und das macht unsere Vielfalt aus und ist auch gut so.
    Genieße den Sommerabend und alles Liebe, Gesa

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